Neuland & Initiative Deutschland Digital

Karl-Heinz Land ist Gründer der Strategie- und Transformationsberatung neuland und Sprecher der Initiative Deutschland Digital (IDD). Bereits 2006 wurde er mit dem „Technology Pioneer Award“ auf dem World Economic Forum (WEF) in Davos ausgezeichnet. Land ist Co-Autor der Bestseller „Digitaler Darwinismus – Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke“ und „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt“. Als Digital Evangelist inspiriert er mit seinen Keynotes Jahr für Jahr tausende Führungskräfte.

business-on.de: Herr Land, wie fit ist der deutsche Mittelstand für die Digitalisierung?
Karl-Heinz Land: Kommt darauf an, worüber wir reden. Der Mittelstand zeigt sich gut darin, sein bestehendes Geschäft zu digitalisieren, ganz im Sinne der Grundidee von Industrie 4.0. Die Unternehmen setzen zunehmend auf smarte Fabriken und digital optimierte Prozesse. Dazu werden sie ja auch von der Bundesregierung ermutigt, die viel Energie und Geld darauf verwendet, das Thema Industrie 4.0 voranzubringen. Indes – ich glaube nicht, dass dieser Weg die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands dauerhaft sichert. Industrie 4.0 optimiert bestehende, produktgetriebene Hersteller. Der Ansatz ignoriert völlig, dass wir eher in eine Wirtschaft 4.0 hineinrutschen. Sie ist hypervernetzt, wirbelt die Märkte durcheinander und weist den Playern multiple Rollen zu. Heute ist ja noch alles schön strukturiert. Der eine ist Hersteller, jener ist Händler, dazwischen hängen die Großhändler. Solche Strukturen wird es nicht mehr geben. Jeder kann mit jedem Geschäfte machen.
business-on.de: Industrie 4.0 ist eine Fehlentwicklung?
Karl-Heinz Land: Konstruktiv ausgedrückt: Sie deckt nur eine Facette der Digitalisierung von Unternehmen ab. Die Bundesregierung verabreicht Valium und suggeriert: Setzt auf Industrie 4.0, und ihr werdet gut durch die Transformation kommen. So einfach ist es aber nicht.
business-on.de: Welche Aspekte fehlen Ihnen?
Karl-Heinz Land: Digitale Transformation ist nur nachrangig eine Frage der Technologien. Es geht um Haltung, Offenheit und Kultur. Agilität ist kein belangloses Buzzword, sofern man es wirklich mit Leben füllt. Verantwortung delegieren, hierarchiefrei arbeiten, Teams flexibel je nach Projekt zusammensetzen, das Prinzip „Ober sticht unter“ aussetzen, kluge Köpfe von außen dazu holen, den deutschen Perfektionismus gegen die Lust am Experiment und den Rausch der Geschwindigkeit tauschen – darum geht es vor allem. Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt viele Mittelständler, die sind voll auf Kurs. Aber es gibt noch zu viele, die die Digitalisierung zögerlich und eher notgedrungen angehen. Das führt dann zu abenteuerlichen Vorstellungen. Zum Beispiel treffe ich immer wieder auf Unternehmen, die eine digitale Struktur neben einer analogen aufbauen wollen. Das ist völlig absurd, denn die Digitalisierung durchdringt alle Bereiche des Lebens und des Wirtschaftens. Sie ist die Matrixfunktion unserer Zeit. Der Bitkom hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, wonach nur jeder fünfte Mittelständler sein Back Office digitalisieren will. Das ist ja wohl ein Scherz. Die Unternehmer müssen begreifen, dass alles digital wird.
business-on.de: Hapert es an der Einsicht der Unternehmensspitzen?
Karl-Heinz Land: Nicht bei allen, aber bei vielen. In einer anderen Studie beschweren sich Familienunternehmer, die ja eine Stütze des Mittelstands und der Wirtschaft sind, darüber, dass ihre Mitarbeiter für die digitale Welt nicht genügend qualifiziert sind. Unfassbar. Digitale Transformation ist Chefsache. Und die wichtigste Aufgabe besteht darin, einen kulturellen Change zu initiieren, den Wandel persönlich vorzuleben und dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter qualifiziert werden. Die benötigten Fähigkeiten regnen doch nicht vom Himmel auf die Leute hernieder.
business-on.de: Aber neue Talente und digitale Experten benötigen die Unternehmen auch. Und da haben viele Mittelständler schlechte Karten, weil sie abgeschlagen in der Provinz ihren Sitz haben.
Karl-Heinz Land: Natürlich gehört zur digitalen Transformation, Menschen an Bord zu holen, die das Unternehmen digital weiterbringen und auch den kulturellen Wandel mit voranzutreiben. Aber ich glaube, dass die Unternehmen auf dem Land mehr bieten können als grüne Landschaft und ein gutes Gehalt. Da ist die Phantasie der Human Resources-Abteilung gefragt, um Angebote für Freizeit, Lebensplanung, Work-Life-Balance zu schaffen. Da geht einiges. Wenn ich mich nicht irre, sehnen sich vor allem Städter nach dem Authentischen, nach der Verbindung mit der Natur, nach Rhythmus. Das ist quasi eine Gegenbewegung zur Hochgeschwindigkeitsdigitalisierung. Aber klar – den Möglichkeiten sind Grenzen gesetzt. Damit müssen die Unternehmen aktiv umgehen. Gründe ich Teams in digitalen Boomtowns wie Berlin oder Köln? Kann ich Prozesse virtuell und mit dem Einsatz von Freelancern organisieren? Gibt es Start-ups, mit denen ich kooperieren kann? Lohnt sich vielleicht das eine oder andere Investment? In einer vernetzten Welt wird es immer unwichtiger, wo ein Unternehmen seinen Sitz hat. Die neue Infrastruktur des Wohlstands ist das Internet der Dinge, und das kann überall sein.
business-on.de: Stichwort Start-ups: Können Mittelständler von ihnen lernen?
Karl-Heinz Land: Unbedingt! Deutsche Unternehmen liefern vor allem eines: perfekte Produkte. Sie müssen sich schnell daran gewöhnen, dass dies in der Digitalisierung nicht immer der alleinseligmachende Weg ist. Diese Start-up-Denke, lieber mit einem unfertigen Produkt rauszugehen und dieses dann im Dialog mit Markt und Kunden weiter zu verbessern, ist essentiell. Gleiches gilt für die Einsicht, dass künftig so gut wie jedes Produkt datengetrieben ist, also über einen digitalen Zwilling verfügt. Außerdem funktionieren Produkte nicht mehr als Solitäre, sondern entwickeln ihren Mehrwert als Teil eines ganzen Leistungssystems ist, an dem im Zweifel auch andere Anbieter beteiligt sind. Da haben etablierte Unternehmen häufig hohen Lernbedarf. Die Märkte der Zukunft gewinnen sie jedenfalls nur über Software und Services und in kooperativen Netzwerken.
Karl-Heinz Land ist zu diesem Thema als Speaker auf der StartupCon 2017 vertreten.
business-on.de: Die tiefste Einsicht nützt nichts, wenn am Unternehmensstandort kein schnelles Internet vorhanden ist.
Karl-Heinz Land: Das ist für eine führende Industrienation wie Deutschland wirklich nur noch peinlich. Die Programme und Initiativen der Bundesregierung springen alle viel zu kurz. Auch das Vorhaben, flächendeckend für 50-Megabit-Netze zu sorgen, ist nichts anderes als operative Hektik. Die Digitalisierung beginnt doch erst. Schon bald werden solche Bandbreiten hinten und vorne nicht mehr ausreichen. Nicht nur, weil die Unternehmen mehr Power benötigen. Auch die Bürger werden in der Masse viel mehr Daten – seien es Videos, Games, Virtual- und Augmented-Reality-Anwendungen – durch die Netze ziehen. Wenn Deutschland zukunftsfähig bleiben will, muss dieses Thema sehr viel strategischer, mit mehr Nachdruck und mit einer größeren Vision angegangen werden. Ich habe stark den Eindruck, dass statt der Politik die Deutsche Telekom als Platzhirsch mit ihren technisch limitierten Ausbauplänen das Tempo vorgibt. Sie hat so viel Kupfer verbuddelt, dass die Umstellung auf Glasfaser behindert wird. Da hilft es auch nicht, die Kupferleitungen mittels Vectoring schneller zu machen. Deutschland braucht ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz auf der Basis von Glasfaser. Punkt. Also, wenn Staat und Politik nicht des Digitalwashings überführt werden wollen, dann müssen sie das Gaspedal endlich voll durchdrücken.

business-on

„Initiative Wirtschaft 4.0 Baden-Württemberg“ gestartet

Über 20 Partnerorganisationen aus Unternehmen, Kammern und Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik haben die „Initiative Wirtschaft 4.0 Baden-Württemberg“ zur branchenübergreifenden Unterstützung der Unternehmen im Land und ihrer Beschäftigten bei der Digitalisierung gestartet.

Auf Initiative von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut haben mehr als 20 Partnerorganisationen aus Unternehmen, Kammern und Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik die „Initiative Wirtschaft 4.0 Baden-Württemberg“ gestartet. Mit der Initiative wollen die beteiligten Partnerinnen und Partner die Unternehmen im Land und ihre Beschäftigten branchenübergreifend bei der Digitalisierung unterstützen und den deutschen Südwesten als internationalen Premiumstandort für die digitalisierte Wirtschaft noch sichtbarer machen. Das Wirtschaftsministerium setzt damit einen zentralen Auftrag aus der Koalitionsvereinbarung um.

„Baden-Württemberg soll führende Innovationsregion Europas bleiben. Die Digitalisierung gibt uns dafür entscheidende Mittel in die Hand. Mit unserer neuen Initiative werden wir in enger Partnerschaft mit allen Branchen unsere Unternehmen darauf vorbereiten, diese Chancen zu ergreifen“, sagte Ministerin Hoffmeister-Kraut während der Auftaktveranstaltung in der Stuttgarter Staatsgalerie.
Digitalisierung der Wirtschaft voranbringen

Insbesondere der Mittelstand müsse noch stärker und konsequenter beim Einstieg in das Thema Wirtschaft 4.0 und bei dessen Umsetzung unterstützt werden, um seine Stellung als starker Wirtschaftsfaktor und größter Arbeitgeber im Land auch in Zukunft zu sichern, betonte die Ministerin. Dazu sei im Partnerkreis gemeinsam eine „Roadmap Wirtschaft 4.0“ erarbeitet worden, die neben zentralen Handlungsfeldern auch erste konkrete Aktivitäten enthalte, um die Digitalisierung der Wirtschaft voranzubringen. Dafür investiere das Ministerium in einem ersten Schritt rund 16 Millionen Euro.

Zu diesen Aktivitäten gehört die beabsichtigte Förderung regionaler „Digital Hubs“, die modellhafte Erprobung einer Digitalisierungsprämie für kleinere mittelständische Unternehmen aus allen Branchen, den neuen Innovationsgutschein Hightech Digital sowie die Stärkung des digitalen Wissenstransfers.
Digital Hubs und Digitalisierungsprämie

Die regionalen „Digital Hubs“ sollen als regionale Digitalisierungszentren die Digitalisierung in der Fläche des Landes voranbringen: Sie sollen Drehscheiben für digitale Innovationen, zugleich aber auch erste Anlaufstellen für Unternehmen bei Fragen der Digitalisierung sein. Die Hubs sollen die Zusammenarbeit von bestehenden, insbesondere mittelständischen Unternehmen, Start-ups und weiteren Akteuren wie etwa Forschungs- und Transfereinrichtungen unterstützen. Vorstellbar sind dabei geeignete Informations- und Beratungsangebote genauso wie Kreativ- und Experimentierräume oder auch Räume für die Zusammenarbeit, so genannte Coworking-Spaces. Die besten Konzepte hierfür sollen in einem wettbewerblichen Verfahren gefunden werden. Das Wirtschaftsministerium wird die dabei ausgewählten regionalen Konsortien mit insgesamt vier Millionen Euro über drei Jahre fördern.

Mit der Digitalisierungsprämie sollen branchenübergreifend kleinere mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützt werden. Dies gilt insbesondere für die „digitalen Neulinge“ unter den Unternehmen. Über die Sensibilisierung der Wirtschaft und geeignete Informations- und Beratungsangebote – etwa den vom Wirtschaftsministerium geförderten Digitallotsen – hinaus ist die Umsetzung der nächste Schritt im Digitalisierungsprozess. In Form der Digitalisierungsprämie werden dafür Investitionen in Hard- und Software, aber auch die Qualifizierung der Beschäftigten gefördert. Die modellhafte Erprobung dieses Angebots unterstützt das Wirtschaftsministerium mit 2,2 Millionen Euro.
Neuer Innovationsgutschein „Hightech Digital“

Mit dem neuen Innovationsgutschein Hightech Digital für pilotartige Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zu Digitalisierungslösungen wird die Reihe der erfolgreichen Innovationsgutscheine des Wirtschaftsministeriums fortgeschrieben. Das neue Unterstützungsangebot zielt auf FuE-Vorhaben im Bereich digitaler Geschäftsmodelle, Anwendungsprojekte in den Bereichen Industrie 4.0, Vernetzte Systeme und Prozesse, Internet der Dinge (IoT), Smart Services, hochflexible Automatisierung, Big-Data-Projekte, Simulationsmodelle, Anwendung von Virtual und Augmented Reality oder Embedded Systems. Der neue Innovationsgutschein Hightech Digital kann bereits ab dem heutigen Freitag beantragt werden. Das Jahresbudget der Innovationsgutscheine wurde dafür um 700.000 Euro aufgestockt.
Ideenwettbewerb Wissens- und Technologietransfer

Schließlich rundet ein Ideenwettbewerb für Transferprojekte zur Digitalisierung der Wirtschaft die erste Runde der Aktivitäten der „Initiative Wirtschaft 4.0 Baden-Württemberg“ ab. Gefördert werden Transferprojekte sowohl für einzelne Branchen als auch im Bereich von Querschnittsthemen, wie etwa IT-Sicherheit oder der Digitalisierung der Arbeitswelt (Arbeit 4.0). Insgesamt stehen dafür zwei Millionen Euro über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren zur Verfügung.

Ministerin Hoffmeister-Kraut: „Mit der Roadmap Wirtschaft 4.0 und den ersten Aktivitäten haben wir einen wichtigen Meilenstein für die Digitalisierung der Wirtschaft in Baden-Württemberg erreicht. Dieser kann allerdings nur ein Anfang sein. Wir müssen und wir werden die gemeinsamen Anstrengungen in den kommenden Jahren fortsetzen, um die Digitalisierung zu einer Erfolgsgeschichte für die Unternehmen in Baden-Württemberg und ihre Beschäftigen zu machen.“

Allen Beteiligten sei bewusst, dass die künftige Beschäftigung und der Wohlstand in Baden-Württemberg eng mit der erfolgreichen Nutzung der Chancen der Digitalisierung verknüpft seien, so die Wirtschaftsministerin. Es sei entscheidend, bei der Digitalisierung alle Branchen des Landes mitzunehmen, die Industrie genauso wie die IKT-Wirtschaft, Handwerk, Handel, Freie Berufe, Gastgewerbe, die Dienstleistungswirtschaft insgesamt und die Bauwirtschaft. Entscheidend sei aber auch, dass die Digitalisierung der Wirtschaft in der Fläche des Landes ankomme und genutzt werde.

Baden-Württemberg.de

Leben 4.0 fordert Gesellschaft und Politik heraus

Ist die Digitalisierung ein Weg zu mehr Nachhaltigkeit? Ja, sagen Experten. Doch für die neuen technischen Möglichkeiten braucht es Vertrauen. Die Veränderungen in Arbeit und Alltag machen vielen Menschen Angst.

International treibt kaum ein Thema Wirtschaft und Politik so sehr um wie die Digitalisierung. Katherina Reiche, Mitglied des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE), und Hauptgeschäftsführerin beim Verband kommunaler Unternehmen (VkU), spricht von den technischen Möglichkeiten als einem „game changer“, der unser Leben nahezu komplett verändert.

Mobilität, Kommunikation, Arbeitsprozesse, Lernen – die Digitalisierung dringt in alle Bereiche ein. Auch der RNE hat die Digitalisierung in sein Arbeitsprogramm aufgenommen. „Nachhaltiger Konsum war nie einfacher, aber vermutlich auch nie schwieriger“, sagte Reiche bei einem Workshop zum Thema „Deutschland digital(er) denken?“ bei der RNE-Jahreskonferenz. Es geht um die Entstehung von Zukunftsindustrien, um Anreize, allen Menschen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Digitalisierung sei die Voraussetzung für die Vernetzung komplexer Wertschöpfungsketten, betonte Reiche.

Arbeit und Leben 4.0 auf politischer Agenda

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hob in ihrer Rede auf der Jahreskonferenz die Bedeutung der Digitalisierung hervor. Die technischen Möglichkeiten würden dazu beitragen, effizienter zu wirtschaften und Ressourcen einzusparen, sagte Merkel. Deutschland hat die Digitalisierung als Chance für die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele und zur Förderung von Entwicklungsländern auf die Agenda der G20-Staaten gesetzt. Anfang Juli findet der G20-Gipfel in Hamburg statt. Deutschland hat derzeit den Vorsitz der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer inne.

Mit den Veränderungen kommen auch Unsicherheiten und Ängste auf. Arbeitsprozesse werden schlanker gestaltet, Berufe verändern sich. Die Mitarbeiter in Unternehmen müssen sich auf neue Aufgaben einstellen. Max Neufeind vom Bundesarbeitsministerium stellte bei der RNE-Jahreskonferenz die Frage nach einem neuen erweiterten Arbeitsbegriff in den Raum, der die vielen Facetten von Arbeit umfasst. Zudem müsse das lebenslange Lernen stärker Gewicht bekommen. „Damit müssen wir Ernst machen“, sagte Neufeind.

Die Bedeutung von lebenslangem Lernen betonte auch Philippe Lorenz von der Stiftung Neue Verantwortung.  Die sich verändernde Arbeitswelt erfordere neue und andere Kompetenzen von Mitarbeitern. „Unternehmen sollten die Fähigkeitsprofile ihrer Mitarbeiter besser nachvollziehen und darauf aufbauend individuelle Weiterbildungsangebote ableiten und anbieten“, so Lorenz.

Ähnlich argumentierte Tino Langer vom Fraunhofer Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik. Die Digitalisierung habe enormen Einfluss auf die berufliche Ausbildung. „Wir müssen in der Lage sein, die Komplexität zu beherrschen“, sagte Langer. Zugleich biete die Technologie ein hohes Maß an Flexibilität. Die Mitarbeiter könnten viel selbstbestimmter entscheiden.

Mehr oder weniger Kontrolle im Netz?

Die Debatte in Deutschland ist besonders von der Angst über den Schutz der Daten bestimmt. Wer hat Zugang zu privaten Informationen? Sind die Daten vor Hacker-Angriffen geschützt? Das Vertrauen der Verbraucher in den Datenschutz schwinde, sagte Florian Glatzner vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Bei der Frage um mehr oder weniger Kontrolle im Netz gebe es Handlungsbedarf – auch von politischer Seite. Zum Beispiel, wenn es um Einschränkungen für Unternehmen geht, die Datenströme nutzen.

Für Benjamin Bergemann vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung geht der Datenschutz in der Nachhaltigkeit auf. „Beide wollen Diversität erhalten“, sagte Bergemann beim RNE-Workshop. Freiheit und Selbstbestimmung müsste man allen gewähren. Auch den jungen Generationen, die „verdatet“ aufwächst.

Doch die Datenfülle birgt nicht nur Risiken, sondern vor allem Chancen. Davon ist Henning Banthien, Geschäftsführender Gesellschafter der IFOK GmbH, überzeugt. Lägen mehr Informationen vor, müssten sich Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit auch transparenter in ihren Geschäftsberichten rechtfertigen.

Wie sehr digitale Technologien Unternehmen verändern, betonte Heike Niedbal von der Deutschen Bahn AG. „Digitale Transportangebote sind nicht automatisch nachhaltig“, sagte Niedbal. Sie plädierte für eine gesellschaftliche Debatte über die Gestaltung von Mobilität und Logistik in der digitalen Ära. Damit eine CO2-freie Logistik vorangetrieben wird, muss, Niedbal zufolge, die Politik reagieren. Beispielsweise über finanzielle Anreize.

Auch Thomas Osburg von der Hochschule Fresenius sieht die Politik bei diesen Transformationsprozessen, bedingt durch die Digitalisierung, in der Pflicht. Er sprach von der Entwicklung neuer Konzepte für mehr soziale Nachhaltigkeit. Eine Herausforderung wird, die ältere Generation an die „neue Welt“ heranzuführen. Auf diesen Aspekt machte Timo Poppe von der swb AG aufmerksam. Das Unternehmen steht im Land Bremen für die Versorgung mit Energie, Trinkwasser und Telekommunikation.

Die Digitalisierung ist der Treiber für wirtschaftliche Innovationen in den kommenden Jahren, aber auch für mehr Nachhaltigkeit, wenn die Dynamik der Entwicklungen richtig genutzt wird. Es liegt an der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft sie zu gestalten, Vorteile und Risiken abzuwägen, und die Grenzen der Digitalisierung aufzuzeigen.

Der Prozess wird dauern und fordert alle heraus, so die Experten. Ohne das Vertrauen der Menschen in die neue Technologie könnten die damit verbundenen Änderungen nicht umgesetzt werden. Das bedeutet auch allen gesellschaftlichen Gruppen durch die Digitalisierung Teilhabe zu ermöglichen. Beim Lernen, beim Arbeiten, bei Veränderungen im Alltag.

RNE